Sitzung 2 | 15.07.2020 - LIVESTREAM

sitzung2-3#Termin 02:

Die Lage der Menschen

in den Pflegeheimen

- mit Adelheid von Stösser

- und der ein Pflegeheim leitenen Psychologin Hermann sowie anderen Sachkundigen, Zeugen und Zeuginnen.

Skandal: Youtube versuchte die Arbeit des Untersuchungsausschusses zu behindern.

Das folgende Video des SWR wurde in der Sitzung mit der Expertin diskutiert: Ergebnis - Youtube löscht den Livestream https://youtu.be/kfzqxCTRAFQ !

Aber es geht weiter:

 

15. Juli 2020

OVALmedia

#Termin 02: Die Lage der Menschen in den Pflegeheimen

Dokumente zum Thema:

Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte haben die Stiftung Corona-Ausschuss ins Leben gerufen.

Sie wird untersuchen, warum Bundes und Landesregierungen beispiellose Beschränkungen verhängt haben und welche Folgen diese für die Menschen haben. Die Stiftung fördert zudem wissenschaftliche Studien auf diesem Gebiet.

Der Ausschuss wird geleitet von den Rechtsanwältinnen Antonia Fischer und Viviane Fischer sowie den Rechtsanwälten Dr. Reiner Füllmich und Dr. Justus Hoffmann.

Begleitende Experten aus Wissenschaft und Praxis sind u.a. der Forensiker Prof. Pasquale Mario Bacco, der Psychiater und Psychoanalytiker Dr. Hans Joachim Maaz, die Pflegeexpertin Adelheid von Stösser, der experimentelle Immunologe Prof. emeritus Peter Capel, der klinische Psychologe Prof. Dr. Harald Walach. Der durch seine Arbeit im Schweinegrippe-Untersuchungsausschuss bekannte Dr. Wolfgang Wodarg (ehemaliger Amtsarzt, MdB, Pneumologe und Gesundheitswissenschaftler) wird die Arbeit des Ausschusses unterstützen.

Erfahren Sie mehr über den Ausschuss: https://corona-ausschuss.de/

Bitte folgen Sie uns auch auf unserem offiziellen Corona-Ausschuss YouTube Kanal >

Sie können die Arbeit dert Stiftung Coona Untersuchungsausschuss mit einer Spende unterstützen. Spendenbescheinigungen können wir derzeit leider noch nicht ausstellen.

Die Bankverbindung ist: Rechtsanwaltsanderkonto/Treuhandkonto:

Rechtsanwalt Dr. Reiner Füllmich Verwendungszweck “Stiftung Corona Ausschuss”

IBAN: DE09250601801001362605

BIC: HALLDE2HXXX

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Die Filmemacher von OVALmedia haben diese live-Übertragen ohne Budget umgesetzt.

Wir produzieren zudem einen Kinofilm zur Coronakrise. Ihr könnt uns unterstützen, z.B. über das crowdfunding, siehe www.corona.film, oder auf dem direkten Weg: Bank transfer:

OVALmedia Berlin GmbH

IBAN: DE66 4166 0124 0017 1707 00

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Paypal: OVALmedia Berlin GmbH https://www.paypal.me/ovalmediaberlin

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Pflegekräfte: Ausgeklatscht

Zu Beginn der Corona-Krise waren sich alle einig, dass Pflegekräfte besondere Wertschätzung verdienen. Was ist aus den Versprechen geworden?

Von  - 0

Pflegekräfte: Auf der ganzen Welt gab es Applaus für die Pflegekräfte. In Deutschland versprach man ihnen mehr Geld und Anerkennung.

Auf der ganzen Welt gab es Applaus für die Pflegekräfte. In Deutschland versprach man ihnen mehr Geld und Anerkennung. © Luke Jones/​unsplash.com

Ausgeklatscht – Seite 1

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in diesem Jahr seine Osteransprache hielt, es war Woche drei der bundesweiten Kontaktbeschränkungen, stellte er eine vorausschauende Frage. Ob wir uns wohl nach der Corona-Krise noch daran erinnern werden, fragte Steinmeier, was uns unverzichtbare Arbeit, etwa in der Pflege, wirklich wert sein muss?

Es war eine Zeit großer Dankbarkeit und großer Versprechungen: Menschen klatschten abends an den Fenstern und auf den Balkonen für das Pflegepersonal. "Heldinnen und Helden des Alltags" nannte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) die Angestellten in der Pflege im Mai. Diese Menschen hätten "nicht nur warme Worte, sondern langfristig auch bessere Löhne verdient". Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wollte sich persönlich dafür einsetzen, dass Pfleger und Schwestern, die in der Krise besonders gefordert seien, Zusatzleistungen erhalten. Um all jenen, so meinte Spahn damals, "die jetzt in dieser Zeit besonders mit anpacken, in den Kliniken, in den Praxen, in der Gesundheitspflege", am Ende sagen zu können: "Das wollen wir auch finanziell noch mal besonders vergüten." Worte, die wohl Mut machen sollten. Für stundenlange harte Arbeit auf den Intensivstationen. Für Überstunden. Für die Gefahr, sich mit Covid-19 anzustecken. Für die Anstrengungen, die nötig sind, um möglichst viele Leben zu retten.

Jetzt, knapp drei Monate nach Steinmeiers Ansprache, ist der Applaus an den Fenstern verstummt. Die von Spahn versprochene Corona-Prämie wurde auf den Weg gebracht. Doch die Prämie geht nur an Beschäftigte in der Altenpflege. Pflegekräfte in den Krankenhäusern erhalten: nichts.

Einmaliger Zuschuss

Nur zwei Bundesländer haben sich dazu durchgerungen, einen Bonus für Krankenpflegekräfte aus eigenen Mitteln zu finanzieren: Bayern zahlt 500 Euro, Schleswig Holstein bis zu 1.500 Euro. In den Kliniken im Rest der Republik geht das Personal leer aus, wenn sich nicht die Häuser selbst dazu entscheiden, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Prämien zu zahlen. Doch das bleibt die Ausnahme. Zudem warten die meisten Altenpflegekräfte noch auf ihren Bonus.

Das im Mai verabschiedete Gesetz sieht vor: Altenpflegerinnen und -pfleger bekommen einen einmaligen Zuschuss – bis zu 1.500 Euro, steuerfrei. Zwei Drittel davon finanziert der Bund über die Pflegekassen, ein Drittel sollen die Länder aufstocken. Die aber können sich teils noch nicht einmal festlegen, wann sie die Prämie genau auszahlen wollen. Frühestens im Herbst, heißt es in Schleswig-Holstein, vermutlich im Dezember, erklärt das Sozialministerium Sachsen auf Anfrage. In einigen Bundesländern soll die Prämie Mitte Juli überwiesen werden, in Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen ist noch unklar, wann die Zahlung kommt.

Was als großes Versprechen begann, ist zu einem Flickenteppich aus Einzelregelungen geworden. Dabei wäre eine bundeseinheitliche Corona-Prämie für alle Pflegekräfte durchaus finanzierbar gewesen. 1,7 Millionen Beschäftigte gab es laut Bundesagentur für Arbeit letztes Jahr in der Alten- und Krankenpflege, eine Einmalzahlung von 1.500 Euro für all diese Menschen hätte den Bund knapp 2,55 Milliarden Euro gekostet. Zum Vergleich: Für das Rettungspaket der Lufthansa will die Bundesregierung neun Milliarden Euro bereitstellen. Das gerade verabschiedete Konjunkturpaket, das etwa die Senkung der Mehrwertsteuer oder Kaufprämien für E-Autos vorsieht, ist 130 Milliarden Euro schwer – das Wort "Pflege" kommt darin kein einziges Mal vor.

Als "Unding" bezeichnet Peter Tackenberg vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe deshalb die Ausgestaltung der Corona-Prämie. "Bei den Verhandlungen über den Bonus wurde herumgeschachert wie auf dem Basar", sagt er. Zunächst habe Spahn große Versprechungen gemacht und sich erst dann darum gekümmert, wer für die Prämie aufkommen soll. "Es ist unfair, dass die Pflegefachpersonen im Krankenhaus ausgeschlossen wurden, obwohl die dem gleichen hohen Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind wie die in der Langzeitpflege."

Ein fatales Signal an die Pflegekräfte

Ähnlich sehen das die Grünen. Im Mai haben sie einen Antrag auf die Ausweitung der Bonuszahlung auch auf Krankenpflegekräfte eingereicht. Der Antrag wurde abgelehnt. "Damit sendet die Bundesregierung ein fatales Signal an die Menschen, die in den Kliniken ihre eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, um Corona-Patienten zu helfen", sagt die Grünen-Sprecherin für Pflegepolitik Kordula Schulz-Asche. Sie befürchtet, dass es nach Corona zu einer hohen Abwanderung von Pflegekräften in den Krankenhäusern kommen könnte. "Das sind hochqualifizierte Pflegekräfte, die unter starker psychischer und körperlicher Belastung arbeiten. Viele werden sich überlegen, ob sie wirklich in der Krankenhauspflege bleiben wollen, wenn man damit rechnen muss dass es zukünftig immer wieder Pandemien gibt." Der Corona-Bonus, sagt Schulz-Asche, wäre auch deshalb ein wichtiges Zeichen der Wertschätzung gewesen.

"Verbessert hat sich seitdem nichts"

Selbst in der SPD gibt es Kritik am Pflegebonus. Dass die Pflegekräfte in den Krankenhäusern außen vorgelassen wurden, sei eine "schallende Ohrfeige für die, die am Limit arbeiten", sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er spricht von einer "respektlosen Ungleichbehandlung" des Pflegepersonals. SPD-Chefin Saskia Esken verwies hingegen darauf, dass die Krankenhäuser ja eigenständig Prämien an ihre Angestellten auszahlen könnten, um deren besondere Leistung anzuerkennen.

Das Bundesgesundheitsministerium begründet die Entscheidung, den Bonus nur an Altenpflegekräfte zu zahlen, mit den Lohnunterschieden: Beschäftigte in der Altenpflege verdienen deutlich weniger als in den Krankenhäusern. Es gibt dort keine flächendeckenden Tarifverträge, zum Teil liegen die Löhne bei unter 2.000 Euro brutto.

Matthias Gruß von der Gewerkschaft ver.di. glaubt allerdings, dass der Hintergrund noch ein anderer ist. Der Vorstoß für die 1.500 Euro Prämie kam zuerst von ver.di und dem Arbeitgeberverband in der Pflegebranche (BVAP), die nach Verhandlungen im März an den Gesetzgeber herantraten. Spahn sei dem Druck daraufhin nachgegangen und habe die Prämienzahlung gesetzlich auf den Weg gebracht. Weil die BVAP jedoch nur die Arbeitgeber in der Altenpflege und nicht der Krankenhäusern vertritt, sei die Prämie auch nur für Altenpflegekräfte umgesetzt worden. "Hätten die Arbeitgebervertreter der Kliniken mit uns verhandelt, dann hätten wir genügend Druck aufbauen können, um Bonuszahlungen auch für die Krankenpflegekräfte gesetzlich zu regeln", sagt Gruß. Die Corona-Prämie in dieser Form greife auch für die Gewerkschaft viel zu kurz. "Wir wurden überschüttet von Beschwerden von Krankenpflegepersonal. Es ist eine Blamage für Arbeitgeber und Politik, dass die einfach in den meisten Fällen leer ausgehen."

Allerdings würde ein einmaliger Bonus ohnehin nichts an den eigentlichen Problemen der Pflegeberufe ändern, sagen Vertreterinnen aus der Pflege, wie etwa die Krankenschwester Yvonne Falckner. Sie hatte im März einen Aufruf an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Internet mit gestartet, der bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte fordert, höhere Bezahlung und mehr Fachpersonal etwa. Über 450.000 Menschen unterzeichneten die Petition, Falckner sprach bei Maybrit Illner über den harten Arbeitsalltag im Krankenhaus. "Verbessert hat sich seitdem nichts", sagt Falckner heute. Eine Einmalzahlung dürfe nicht als Ausgleich für langfristige Verbesserungen verstanden werden, so Falckner.

Versprechen gebrochen

Wie hoch die Arbeitsbelastung in der Pflege ist, zeigen Studien wie der aktuelle Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse. Demnach fallen Kranken- und Altenpfleger im Durchschnitt mehr als doppelt so häufig krankheitsbedingt aus wie Beschäftigte aus anderen Berufsgruppen. Schichtdienst, hohe körperliche Anforderungen und Zeitdruck dürften die Gründe dafür sein. Trotzdem werden Pflegekräfte oft schlecht bezahlt, vor allem in der Altenpflege. Für die ist zwar Anfang Juli ein höherer Mindestlohn in Kraft getreten: Hilfskräfte erhalten nun in Westdeutschland mindestens 11,60 Euro und in Ostdeutschland 11,20 Euro, für ausgebildete Fachkräfte gilt ein Mindestlohn von 15 Euro pro Stunde. Das, so sagen Experten, sei aber immer noch viel zu wenig, um den Beruf attraktiv zu machen und damit auch den Fachkräftemangel anzugehen.

Was also ist geblieben von den Versprechungen, die mit dem Applaus auf den Balkonen zu Beginn der Corona-Krise kamen? Ostern liegt heute elf Wochen zurück. Die Pandemie ist zwar noch nicht ausgestanden. Dennoch lässt sich auf die österliche Steinmeier-Frage bereits heute eine Antwort geben. Erinnern wir uns daran, was uns unverzichtbare Arbeit in der Pflege wirklich wert sein muss?

Die Antwort ist sehr kurz: nein.

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Selbst DER SIEGEL wacht endlich auf (obwohl sie von der Bill and Melinda Gates Foundation Geld angenommen haben):

Besuchsverbot im Pflegeheim: Wie ging es Angehörigen und den Alten damit?

Foto: Juan Moyano/ Stocksy United

Besuchsverbot für Pflegeheime "Nach dem Lockdown hat mein Vater mich nicht mehr erkannt"

Um die Bewohner von Pflegeheimen vor Covid-19 zu schützen, durften sie wochenlang keinen Besuch empfangen. Was bedeutet das für die Angehörigen? Leserinnen und Leser berichten von ihren Erfahrungen.

Vier Tage nach ihrem Einzug - die 85-jährige Dame aus Kiel war gerade angekommen in ihrem Leben im Pflegeheimzimmer - ordneten die Ministerpräsidenten der Länder ein Besuchsverbot für Pflegeheime an.

Ab Mitte März durften Angehörige ihre Tanten, Brüder, Schwestern und Eltern in Heimen nicht mehr besuchen. Das sollte alle, die dort leben, vor einer Ansteckung schützen. Was ist mit Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern passiert, während sich Deutschland im Lockdown befand?

Drei Geschwister haben dem SPIEGEL erzählt, wie es sich für sie anfühlte, draußen bleiben zu müssen. Ausgerechnet, als sich das Coronavirus immer schneller ausbreitete, konnte ihre demente Mutter, die 85-Jährige aus Kiel, nicht mehr ohne ständige Hilfe leben, musste in ein Pflegeheim. Nach vier Tagen kam das Betretungsverbot. Die Geschwister versuchten verzweifelt, eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen: Können wir unsere Mutter sehen, trotz Corona?

Nachdem der Text erschienen war, meldeten sich viele Leserinnen und Leser bei uns. Sie teilten ihre Gedanken über die Situation der Familie, ihre sehr persönlichen Erfahrungen. Sie lassen erahnen, dass Heimbewohner, Pflegekräfte und Angehörige in ganz Deutschland wohl erst im Laufe der kommenden Zeit, vielleicht erst nach der Coronakrise, verstehen und aufarbeiten werden.

Wie sehr haben die alten Menschen in den Heimen und deren Angehörige gelitten? Inwiefern diese Zeit sie verändert?

Edeltraud T., 69, schrieb uns von einer kräftezehrenden Tortur. Ihr Mann sei, schrieb sie, dement und seit anderthalb Jahren im Heim. Doch während des Besuchsverbots habe sie ihn nur am Gartenzaun der Einrichtung treffen können:

Er wollte mich immer berühren und verstand nicht, warum er das nicht durfte. Vorher bin ich 3- bis 5-mal die Woche zu ihm gefahren. Wir haben noch kleine Ausflüge gemacht, was jetzt alles nicht mehr ging.

Peter Funck aus München schrieb uns, wie sich die Kontaktbeschränkungen für ihn und den in einem Heim lebenden Vater anfühlte. Der Vater sei 101 Jahre alt und lebe seit mehreren Jahren in einer Einrichtung für Demenzkranke.

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Als ich ihn nach dem Lockdown wieder sehen durfte, hat er mich nicht mehr erkannt. Es war klar, dass das einmal passieren würde, aber die Corona-Maßnahmen haben sicherlich dazu beigetragen, dass es so schnell ging.

Ein Leser, der seinen Namen nicht veröffentlicht wissen möchte, beschrieb, wie er das Besuchsverbot zu umgehen versuchte:

Sind in der exakt selben Situation, und haben das Besuchsverbot mit einem Tablet und Besuchen unterm Balkon resp. Fenster unterlaufen können. Ja, das tut sicher weh, aber einen Angehörigen an Covid-19 zu verlieren tut sicher noch mehr weh, zumal wenn weitere Heimbewohner gefährdet sind. Keiner hat gesagt, dass eine Pandemie ein Zuckerschlecken ist - keiner will sich einschränken und weitermachen wie bisher, als sei nichts gewesen. 

Für wen gelten Ausnahmen?

Welche Ausnahmen vom Besuchsverbot möglich waren, konnten die Gesundheitsämter der Länder und die Einrichtungen selbst mitbestimmen. In vielen Bundesländern etwa galt: Betretungsverbot - aber, in Ausnahmefällen und unter Schutzmaßnahmen, maximal ein Besucher pro Tag und Bewohner. Das war es, was sich schwer begreifen ließ: Wer ist dieser maximal eine? Wer darf rein?

Peter Funck:

Unser Vater war schon über zwei Jahre im Heim, als der Lockdown kam. Was dann geschah, wie überall in den Heimen, ist wider die Menschenrechte. Dieses rigorose Nein, ohne einen Gedanken an Alternativen zu verschwenden, das darf nie wieder passieren. Was ist das für eine Lebensqualität, tagein, tagaus lediglich seine Grundbedürfnisse zu erfüllen - ohne menschliche Nähe zur Familie? Da wird der Patient zum hilflosen Objekt in einem pflegerischen Apparat, das durch regelmäßige Mahlzeiten als lebensverlängernde Maßnahme am Laufen gehalten wird. Das aber entspricht nicht der Patientenverfügung, die mein Vater schon vor vielen Jahren im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten unterschrieben hat.

Jasper A., 28, schrieb von einer inneren Zerrissenheit: Was tut mehr weh, den Angehörigen nicht sehen zu dürfen, oder viele Menschen dem Risiko einer Ansteckung auszusetzen?

Wir haben verstanden, dass es wichtiger ist, dass die ganze Einrichtung nicht gefährdet wird. Das ist hart, es tat uns auch enorm weh. Die Frage "Wird sie uns noch erkennen?" ist grausam. Aber noch grausamer ist es, wenn der eigene Besuch Hunderte Menschen dahinrafft.

Man macht es sich zu einfach, wenn man auf die Pflegeheime einschlägt. Die sind und waren überfordert mit der Situation, aber nicht aus eigener Schuld heraus. Ich kenne engagierte Pfleger und Pflegerinnen, die dieses Jahr mehrere Wochen in den Heimen gelebt haben - getrennt von der eigenen Familie und im Dauerdienst - um ihre Bewohner zu schützen. Und die gleichzeitig übergriffige Verwandte abwehren mussten, die versucht haben, auf das Gelände einzudringen. Das ist die andere Seite der Medaille.

Was bedeutet es, wenn die Krankheit im Pflegeheim ausbricht?

Auch ein Pfleger schrieb uns. Als solcher habe er, Jan P., 40, den Ausbruch der Pandemie mitbekommen, und vielleicht kamen ihm beim Lesen unseres Artikels über die drei Geschwister und ihre Mutter auch deswegen die folgenden Gedanken:

Was die Mitarbeiter täglich geleistet haben und leisten und mit welcher Sorge sie konfrontiert sind, kann man sich kaum vorstellen. Natürlich hätte man den Dialog mit entsprechenden Angehörigen empathischer und verständnisvoller führen können, sodass vielleicht ein Kompromiss möglich gemacht hätte werden können (zum Beispiel der Kontakt über Fenster, Balkone, etc.).

Nur schwebt über allem die unmittelbare Gefahr eines Ausbruches der Krankheit innerhalb eines geschlossenen Bereiches wie einer Pflegeeinrichtung. Insofern habe ich sicherlich Verständnis für die Notlage etwaiger Angehörige und deren Situation, nur darf man dabei nicht vergessen, was es bedeutet, falls die Krankheit tatsächlich ausbricht.

Mal angenommen, Frau Bernsdorf [die Betroffene im SPIEGEL-Artikel, Anm. d. Red.] erkrankt und stirbt aufgrund Covid-19, weil verantwortliche Entscheidungsträger des Heimes bei einem anderen Bewohner und dessen Angehörigen nicht regelkonform gehandelt hätten. Das will man dann sicherlich auch nicht hören.

Inzwischen wurde das Besuchsverbot gelockert. Es ist seit einigen Wochen nun vielerorts wieder möglich, Angehörige zu besuchen, unter Schutzvorkehrungen. In manchen Einrichtungen bedeutet das: Für ein Treffen gibt es 15 Minuten Zeit, es muss unter Aufsicht stattfinden, eine Plexiglaswand trennt Verwandte voneinander.

Doch die individuell empfundene Ungerechtigkeit, die in den vergangenen Monaten durch die Auslegung der behördlichen Regeln entstand, sitzt bei manchen tief. Was, wenn eine zweite Welle kommt? Wie lässt sich das Danach gestalten? Peter Funck schrieb:

Danach fragt man sich natürlich, ob das alles nicht auch humaner gehen könnte. Es verliert sonst jeglichen Sinn. 

 

 

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